Gefühle validieren
- Alessandra Weber
- vor 2 Tagen
- 4 Min. Lesezeit
„Du verstehst mich einfach nicht.“
Dieser Satz fällt in vielen Paarbeziehungen – besonders dann, wenn ein Gespräch bereits eskaliert ist. Oft versucht eine Person daraufhin, noch genauer zu erklären, was eigentlich gemeint ist, und trotzdem wird es häufig nicht besser. Denn manchmal fehlt nicht die Erklärung. Es fehlt etwas anderes: das Gefühl, mit der eigenen inneren Erfahrung gesehen zu werden.
Genau hier kommt Validierung ins Spiel.
Was bedeutet Validierung?
Validierung bedeutet, die innere Erfahrung eines anderen Menschen wahrzunehmen und als sinnvoll anzuerkennen. Das heißt nicht, dass ich mit allem einverstanden bin, was der andere tut oder sagt. Ich muss auch nicht dieselbe Sichtweise haben. Validierung bedeutet zunächst:
„Ich sehe, dass es dir so geht. Ich kann nachvollziehen, dass diese Situation etwas in dir ausgelöst hat. Es macht Sinn, dass du dich so fühlst.“
Validierung richtet sich also nicht in erster Linie auf die Richtigkeit einer Interpretation, sondern auf die Wirklichkeit des Erlebens.
Warum ist Validierung so wichtig?
Menschen sind soziale Wesen. Gerade in engen Beziehungen hat die Erfahrung, emotional wahrgenommen zu werden, eine große Bedeutung. Wenn wir uns verletzt, beschämt, enttäuscht oder bedroht fühlen, suchen wir häufig – bewusst oder unbewusst – nach einer Antwort auf eine grundlegende Frage: „Siehst du, was gerade in mir passiert? Siehst du mich?“
Wird unsere Erfahrung ignoriert oder abgewehrt, kann sich die ursprüngliche Emotion verstärken. Aus Verletzung wird vielleicht Wut. Aus Angst wird Rückzug. Aus Unsicherheit wird Angriff. Umgekehrt kann die Erfahrung, dass ein anderer Mensch unsere innere Welt wahrnimmt, beruhigend wirken.
Das Problem ist noch nicht gelöst, die Meinungsverschiedenheit ist vielleicht noch da, aber etwas verändert sich: Ich bin mit meiner Erfahrung nicht mehr allein.
Validierung und Co-Regulation
Hier berührt Validierung ein wichtiges Prinzip emotionaler Co-Regulation. Co-Regulation bedeutet vereinfacht gesagt, dass Menschen sich gegenseitig dabei unterstützen können, mit schwierigen Gefühlen umzugehen. Wir regulieren uns nicht nur in uns selbst, sondern auch in Beziehung.
Ein ruhiger Blick, eine zugewandte Stimme, körperliche Nähe können dazu beitragen, dass wieder mehr Sicherheit entsteht. Validierung ist deshalb nicht einfach eine Kommunikationstechnik, sondern eine Erfahrung von Verbindung.
Gerade in Paarbeziehungen ist das bedeutsam. Denn Konflikte werden häufig nicht nur durch den konkreten Anlass bestimmt. Unter dem Streit liegt oft eine viel grundlegendere Frage:
„Bin ich dir wichtig?“, „Kann ich mich auf dich verlassen?“, „Bist du für mich erreichbar?“
„Wenn ich dich validiere, werde ich selbst unsichtbar.“
Eine häufige Angst in Paarbeziehungen lautet:
„Wenn ich jetzt auf dich eingehe und deine Gefühle anerkenne, wer kümmert sich dann um meine?“ Diese Sorge ist nachvollziehbar. Gerade wenn sich Konflikte schon lange darum drehen, dass eine Person sich nicht gehört oder nicht berücksichtigt fühlt, kann Validierung zunächst wie ein weiterer Verzicht auf die eigene Position wirken. Doch häufig passiert gerade das Gegenteil.
Wenn ein Mensch sich gesehen fühlt, wird er eher wieder frei, auch den anderen zu sehen.
Solange ich darum kämpfen muss, dass mein Schmerz überhaupt wahrgenommen wird, bin ich mit meiner Aufmerksamkeit bei mir. Ich muss beweisen, erklären, wiederholen, lauter werden.
Wenn ich dagegen spüre: „Du siehst, was gerade in mir passiert“, fühle ich mich wieder in Sicherheit und ich muss meine Erfahrung nicht mehr mit aller Kraft verteidigen. Und genau dadurch kann wieder Raum für die Erfahrung des anderen entstehen. Validierung bedeutet also nicht: „Du bist jetzt dran, und ich verschwinde.“ Sie kann vielmehr bedeuten: „Ich mache deine Erfahrung sichtbar, damit ein sicherer Raum entsteht, in dem wir beide wieder sichtbar werden können.“ Validierung und Verantwortung schließen sich deshalb nicht aus. Im Gegenteil: Wenn ich mich mit meiner Erfahrung gesehen fühle, kann es leichter werden, auch die Wirkung meines eigenen Verhaltens auf den anderen anzuschauen.
Wie kann Validierung konkret aussehen?
Validierung beginnt mit einer Haltung von Neugier und der Bereitschaft, wirklich zuzuhören.
Nicht: „Wie kann ich beweisen, dass meine Sicht stimmt?“
Sondern: „Wie hast du das erlebt? Was passiert in dir, wenn...? “
Validierung bedeutet, die emotionale, innere Erfahrung des anderen wahrzunehmen, anzuerkennen und mitfühlend zu spiegeln.
Man kann sagen:
„Ich sehe, dass dich das verletzt hat.“
„Das muss sich ziemlich allein angefühlt haben.“
„Jetzt verstehe ich besser, warum du so stark reagiert hast.“
Was, wenn ich die Reaktion des anderen überhaupt nicht nachvollziehen kann?
Auch dann ist Validierung möglich. Manchmal können wir die Schlussfolgerung des anderen nicht teilen: „Du bist spät nach Hause gekommen, also bin ich dir egal.“
Vielleicht stimmt diese Schlussfolgerung aus unserer Sicht überhaupt nicht.
Man kann trotzdem sagen: „Ich sehe, dass es bei dir dieses Gefühl ausgelöst hat, dass du mir nicht wichtig bist.“ Wir validieren nicht unbedingt die Interpretation, sondern die emotionale Konsequenz, die diese Interpretation hatte.
Erst Verbindung, dann Lösung
In Paarbeziehungen besteht häufig der Wunsch, ein Problem möglichst schnell zu lösen, und natürlich sind gute Lösungen wichtig, aber unser Gehirn kann besonders dann gute Lösungen finden, wenn unser Nervensystem ausreichend reguliert ist und nicht im Alarmzustand steckt. Auch deshalb ist Validierung so wichtig. Wenn wir uns gesehen und mit unserer Erfahrung nicht mehr allein fühlen, kann die innere Anspannung nachlassen. Dadurch entsteht wieder mehr Raum für Neugier, aktives Zuhören und Perspektivenwechsel.


